Sie sind hier:Start

Nachrichten

Christlicher Glaube und politische Wachsamkeit

Von: Ekkehard Rüger

Mit „Ich lege Protest ein“ liegt jetzt ein Band mit Unterrichtsmaterialien zu Pfarrer Paul Schneider vor, der 1939 im KZ Buchenwald ermordet wurde.

Die Gräber von Margarete und Paul Schneider auf dem Friedhof in Dickenschied. Foto: Dieter Junker

Kurz nachdem Paul Schneider 1934 seine neue Pfarrstelle im Hunsrück angetreten hatte, geriet das Mitglied der Bekennenden Kirche zum wiederholten Male in Konflikt mit den Nationalsozialisten. Bei der Beerdigung eines Hitlerjungen erklärte der NS-Kreisleiter, der Verstorbene sei in den himmlischen Sturm Horst Wessels eingegangen. Schneider intervenierte mit den Worten: „Ich lege Protest ein. Dies ist eine christliche Beerdigung, und ich bin als evangelischer Pfarrer verantwortlich dafür, dass das Wort Gottes unverfälscht verkündet wird!“ Einen Tag später wurde er zum ersten Mal verhaftet.

„Ich lege Protest ein“ – das ist auch der Titel eines neuen Materialbands, herausgegeben von der Religionspädagogin Marita Koerrenz, Akademische Rätin an der Theologischen Fakultät der Universität Jena und ordinierte Pfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland. Der Band ermöglicht Schülerinnen und Schülern ab der Klasse 9 eine vielschichtige Annäherung an den am 18. Juli 1939 im Konzentrationslager Buchenwald ermordeten Pfarrer. „Paul Schneider ist unser erster Märtyrer“, sagte Dietrich Bonhoeffer, nachdem er die Todesnachricht erfahren hatte. Und im Mai 2000 wurde auch Schneiders Name genannt, als Papst Johan­nes Paul II. in Rom der „neuen Märtyrer“ gedachte.

Dabei ist Schneiders Glaubenshaltung aus heutiger Sicht durchaus sperrig. „Paul Schneider hat der totalitären NS-Ideologie seine totalitäre Theologie und Christologie entgegengehalten“, sagte der Koblenzer Kirchenhistoriker Thomas-Martin Schneider, nicht mit dem Pfarrer verwandt, anlässlich des Gedenkens zu dessen 75. Todestag im Juli 2014. Schneider sei ein „äußerst engagierter antimodernistischer Streiter gegen liberale Moralvorstellungen“ gewesen und „konservativer Verteidiger einer sittenstrengen Moral“. Aber nicht Schneiders Theologie hat Marita Koerrenz zu dem Buchprojekt bewegt, sondern „dass er sich als konservativer Mensch getraut hat, anders zu agieren als die übrige Pfarrerschaft und seine Dienstvorgesetzten. Das ist ein Mut, den wir heute wieder brauchen: zu überlegen, was richtig ist.“

Zeitzeugen der NS-Zeit gebe es bald nicht mehr, sagt Koerrenz. Darum sei es umso wichtiger, „Jugendliche über das Beispiel einer Person an die damalige Zeit heranzuführen“. Sie selbst bietet in Jena jährlich Theologiestudierenden Exkursionen zur KZ-Gedenkstätte Buchenwald an. Dort ist auch die Zelle Paul Schneiders zu besichtigen – einschließlich einer von den DDR-Behörden 1954 auf Wunsch der Witwe Margarete Schneider angebrachten Eichentafel mit einem biblischen Wort aus dem 2. Korintherbrief. Der unterschiedliche Blick auf Schneider in Ost- und Westdeutschland wird auch in der Materialsammlung thematisiert, die dabei unter anderem auf Beiträge seines Sohnes Karl Adolf Schneider zurückgreift.

Der Band „Ich lege Protest ein“ ist ein Gemeinschaftswerk zweier Mitarbeiterinnen der Universität Jena, zweier Religionslehrerinnen und einer Theologiestudentin. Er gliedert sich in die sechs Kapitel „Begegnung mit Paul Schneider – ein Weg zwischen Glauben und politischer Verantwortung“ (Marita Koerrenz), „Dem Glauben Taten folgen lassen – Glaube als Handlungsmotivation“ (Jennifer M. Keller), „VerAntwort-l-Ich!? Der Weg Paul Schneiders zum entschiedenen Protest“ (Katharina Muth), „Lernen an einem Lebensweg – Paul Schneider und die Frage nach dem Vorbild“ (Nicole S. Keller), „Politische und gesellschaftliche Verantwortung heute“ (Stefanie Espig) sowie „Paul Schneider aus ökumenischer Sicht“ (Marita Koerrenz). Das Buchprojekt wurde von der rheinischen Kirche finanziell unterstützt. Wer es erwirbt, erhält damit zugleich digitalen Zugriff auf den Dokumentarfilm über Paul Schneider: „Ihr Massenmörder – ich klage euch an!“. Dieser 20-minütige Film von Sabine Steinwender-Schnitzius aus dem Jahr 2000 enthält wichtige Zeitzeugeninterviews, unter anderem mit der Witwe Margarete Schneider und dem jüdischen Mithäftling Ernst Cramer. Er wurde damals im Auftrag der rheinischen Kirche für den Einsatz in Schulen und Gemeindegruppen produziert.

Paul Schneider – ein Vorbild für heute? In der Materialsammlung finden sich unterschiedliche Einschätzungen. Ein klares Ja kommt vom freikirchlichen Pfarrer Jochen Wagner aus Kirchberg im Hunsrück: „Er (Schneider) zeigt uns, dass wir unseren Über­zeugungen folgen können, auch wenn nicht alle um uns herum es gut finden.“ Zurückhaltender äußert sich Schneiders Neffe Paul Dieterich: „Paul Schneider – das ist bei Dietrich Bonhoeffer so, das erfahren wir bei Sophie Scholl und bei vielen, die ihren Glauben und ihr Eintreten für das Leben mit ihrem Leben bezahlt haben – wird uns zum Segen, wenn wir die Distanz zu ihm wahren.“ Herausgeberin Marita Koerrenz selbst sagt es so: „Ich denke, dass Paul Schneider kein Vorbild ist, weil wir heute in einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext leben als er. Aber er ist ein Beispiel dafür, dass christlicher Glaube immer auch eine politische Wachsamkeit von uns fordert, und diese hat er überzeugend bis in den Tod verkörpert. Von dieser Wachsamkeit können wir lernen, und so kann uns Paul Schneider zum Leitbild werden.“ Nicht zufällig endet das Buch mit einem Wortspiel der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste: Unter der Überschrift „Aktiv gegen Rassismus und Antisemitismus“ ist die doppeldeutige Aufforderung zu lesen: „Geh denken!“

Marita Koerrenz (Herausgeberin): „»Ich lege Protest ein« – Mit Paul Schneider Glauben und politische Verantwortung erkunden. Eine Unterrichtseinheit ab Klasse 9“, Göttingen 2020, Vandenhoeck & Ruprecht, 48 Seiten, 23 Abbildungen, ab 12,99 Euro


Bookmark and Share