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Neue Akzente für eine eigenständige Jugendpolitik

Von: Dieter Junker

Jenaer Jugendforscher fordert in Kastellaun beim "Speed-Dating" eine stärkere Beteiligung und Beachtung junger Menschen in de Kommunalpolitik.

Jugendliche, Kommunalpolitiker, Lehrer und Jugendarbeiter diskutierten in Kastellaun über eine zukünftige Jugendpolitik. Foto: Dieter Junker

Kastellaun. Wie könnten neue Perspektiven in der Jugendpolitik im Rhein-Hunsrück-Kreis aussehen? Was kann getan werden, um gute Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche zu erreichen, ihre Wünsche wahrzunehmen und gleichzeitig Politikverdrossenheit und Resignation, auch unter jungen Menschen, entgegenzuwirken? Fragen, denen Jugendliche, junge Erwachsene, Verantwortliche aus Politik und Gesellschaft sowie Mitarbeitende der Jugendarbeit in Kastellaun nachgingen und viele Ideen entwickelten.

Einer, der dabei ein flammendes Plädoyer für eine neue und eigenständige Jugendpolitik, gerade in den Kommunen, hielt, war Professor Dr. Werner Lindner von der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena. „Jugendpolitik ist Zukunftspolitik“, machte der Hochschullehrer deutlich. Darum sei es wichtig, dass die Kommunen die Jugendlichen ernst nehmen, sie mitnehmen, sie an Entscheidungen beteiligen und ihre Wünsche wahrnehmen würden, so Lindner. „Wenn den Sportvereinen junge Sportler fehlen, wenn Handwerker keine Azubis mehr finden, wenn den Schulen Schüler ausgehen, dann wissen wir, was los ist“, machte der Jugendforscher deutlich. Alle Chancen, die jetzt nicht genutzt würden, würden später schmerzhafte Folgen haben, war Lindner überzeugt.

Dies gelte auch für den Rhein-Hunsrück-Kreis, betonte der Hochschullehrer. Auch hier gebe es gerade in der Jugend die meisten Fortzüge, die Zahl der Jugendlichen im Kreis würde sinken. Doch der Datenreport 2017 der Jugendhilfeplanung des Rhein-Hunsrück-Kreises beschreibe lediglich Angebote für Jugendliche, doch der Bedarf für Jugendliche unter Berücksichtigung der Wünsche junger Menschen wie auch die rechtzeitige und ausreichende Planung von Vorhaben, so wie sie das Sozialgesetzbuch verlangen würden, fehle völlig. „Hier ist keine Planung ersichtlich, hier findet sich nur eine Beschreibung“, kritisierte er. Und er fügte hinzu: „Da ist es dann keine Überraschung, dass die entsprechenden Ausgaben für Jugendarbeit in diesem Kreis unter dem Landesdurchschnitt liegen.“

Jugend mache gerade von sich reden, meinte Lindner mit Blick auf „Fridays for Future“. Von vielen Politikern würden die Jugendlichen dafür gelobt, doch konkret ändern würde sich nichts. „Hier muss mehr passieren“, forderte der Wissenschaftler. „Es muss sich auch das Klima in der Jugendpolitik ändern“, mahnte er an. Derzeit sei ein politischer Wandel zu erleben. Mit einer Politikverdrossenheit, aber auch einer Radikalisierung und einer Mediatisierung von Politik. „Demokratie muss wieder gelernt werden, und da müssen Jugendliche mit einbezogen werden“, war Lindner überzeugt.

Viel Stoff für eine angeregte Diskussion. An Tischen konnten die Anwesenden in Gruppen reihum in Form eines „Speed-Dating“ über verschiedene Aspekte diskutieren, Anregungen geben, Kritik äußern und Ideen formulieren für neue Perspektiven in der Jugendpolitik. „Verschiedene Menschen mit verschiedenen Sichtweisen, die sich austauschen“, wie Anja Rinas von der evangelischen Jugend im Kirchenkreis Simmern-Trarbach das beschrieb. Auch wenn einige Bürgermeister anwesend waren, so fehlten doch Politiker aus dem Kreistag, die hier sicher auch gute Anregungen für ihre Arbeit gefunden hätten. Aber es waren auch nur wenige Jugendliche mit dabei.

Dennoch sah Professor Lindner hier wichtige Ansatzpunkte für weitere Gespräche und Akzente. „All das, was hier an Ideen genannt wird, muss nun dokumentiert und dann aufgearbeitet werden für Gespräche mit den Akteuren“, forderte er. Es sei sicher schade, dass nur wenige Jugendliche und wenige Politiker hier seien, aber: „Hier hätte auch das Handwerk, der ÖPNV, Vertreter aus dem Tourismus und viele andere da sein müssen. Denn Jugendpolitik ist mehr als nur Jugendarbeit“, machte er auch deutlich.

Die Veranstalter, das Ökumenische Forum im Rhein-Hunsrück-Kreis in Kooperation mit dem Kreisjugendring, wollen jedenfalls an dem Thema dranbleiben. „Wir werden die Anregungen zusammentragen und es wird sicher weitere Gespräche und Treffen geben“, kündigte Susanne Mühlhausen von der Fachstelle für Kinder- und Jugendpastoral an. Und Lindner forderte die Akteure in der Jugendarbeit auf, jetzt auch tätig zu werden, und die Jugendlichen, ihre Forderungen zu formulieren.


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