Wann wird die Erde zur Hölle?

„Wir können aus der Erde keinen Himmel machen, aber jeder von uns kann etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird.“ Diesen Satz hat Fritz Bauer einmal geschrieben, der frühere hessische Generalstaatsanwalt, der die juristische Strafverfolgung der nationalsozialistischen Verbrecher zu seiner Lebensaufgabe gemacht hatte. Vor fast 50 Jahren ist er gestorben.

Ich denke oft über diesen Satz nach. Wann wird die Erde zur Hölle? Sie wird das nicht auf einmal, mit einem großen lauten Knall. Das geschieht vielmehr langsam und unmerklich. Wenn man merkt, dass sich etwas verändert hat, dann ist es oft bereits zu spät. Oder man hat sich einfach schon daran gewöhnt und nimmt es nicht mehr als etwas Besonderes wahr. In den letzten Jahren gewöhnen wir uns zunehmend an einen ziemlich ungemütlichen Sprachstil. Ich könnte nicht genau sagen, wann das angefangen hat. Aber auf einmal ist es sehr laut geworden, sehr rechthaberisch, sehr provozierend. Und das sind gezielte Provokationen. Die sollen weh tun. Das ist der Sinn der Sache. Beim nächsten Mal kann man dann noch ein bisschen drauflegen. So gewöhnt sich die Öffentlichkeit allmählich an immer unverschämtere und gehässigere Sätze.

Und ganz langsam fangen immer mehr Menschen an, das zu glauben, was da behauptet wird. Es für normal zu halten. Bei der nächsten Wahl haben die Provokateure plötzlich Erfolg. Den wollen die anderen natürlich auch haben. Also versuchen sie, genauso laut zu provozieren. Und Gesetze zu ändern. Und hart durchzugreifen, wo sie an der Regierung sind. Gerichte und Behörden werden immer strenger. Das finden immer mehr Menschen gut. Es trifft sie ja nicht. Es trifft die anderen. Im Moment vor allem die Flüchtlinge.

Nein, unser reiches, schönes und insgesamt doch sehr faires und gesittetes Land ist sicher noch keine Hölle. Aber ich möchte nicht warten, bis es so weit ist. Viele Flüchtlinge, die ich persönlich kenne, können mir erzählen, wie eine Hölle auf Erden aussieht. Mir ist es nicht gleichgültig, wie es ihnen geht. Ich möchte nicht, dass sie diese Hölle wieder erleben müssen. Über die Länder, in die diese Menschen zurück müssten, werden in ihren Ablehnungsbescheiden Dinge behauptet, die schlichtweg nicht stimmen, die nachweislich falsch sind. Ich möchte nicht, dass wir uns an Lügen und Falschaussagen gewöhnen. Ich möchte nicht, dass man mit Tatsachenverdrehungen bei uns Abgeordneter und sogar Minister werden kann. Ich möchte gar nicht versuchen, aus dieser Erde einen Himmel zu machen. Aber ich möchte etwas tun, dass sie nicht zur Hölle wird. Mit dem Bild vom Himmel im Herzen, das mir Bibel und Gesangbuch schenken.

Christian Hartung
Pfarrer in Kirchberg