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Kirchen sind Heimat

Kirchen sind Heimat

Kirchen sind Heimat - das ist der Titel unserer Veranstaltungsreihe in diesem Jahr. Mich berührt es, wenn ich vertraute Kirchtürme sehe. Aber sind Kirchen wirklich Heimat?

Viele kehren zu Ihrer Trauung oder der Taufe der Kinder wieder in ihre Heimatkirche zurück. Der Kirchturm symbolisiert Heimat, obwohl viele ihre Kirche selten von innen sehen. Aber irgendwie stimmt es auch nicht, dass Kirchen Heimat sind. Nicht die Gebäude sind Heimat, weder eine Kirche noch das Elternhaus oder die frühere Schule. Heimat ist ein Gefühl, Heimat ist Erinnerung, Heimat ist Erinnerung an bestimmte vertraute Menschen, und Heimat ist eine Sehnsucht nach Geborgenheit, nach „Gehaichnis“.

Ich selbst hörte als Kind viel von der Heimat, von der „alten“ Heimat meiner Mutter, denn sie war, wie man früher sagte: „Heimatvertriebene“, sie war Flüchtling nach dem 2. Weltkrieg. Sie kam aus dem Sudentenland, aus der Tschechei, wie meine Mutter es nannte. Als sie 70 wurde, fuhren wir Kinder mit ihr in Ihre alte Heimat. Wir fanden noch die Grundmauern ihres Elternhauses, die Quelle, die das Haus mit Wasser versorgte, es stand noch ihre alte Schule. Dann brach aus ihr heraus: „Es ist ja niemand mehr da.“ Ihr war das im Kopf schon lange klar, aber da erreichte diese Erkenntnis ihr Gefühl.

Nicht die Gebäude sind Heimat, weder eine Kirche noch das Elternhaus oder die frühere Schule. Heimat ist ein Gefühl, Heimat ist Erinnerung, Heimat ist Erinnerung an bestimmte vertraute Menschen und Heimat ist Sehnsucht.

Die Aussiedler, die in den letzten Jahrzehnten nach Deutschland kamen, hatten auch eine Sehnsucht nach Heimat. Nur sah die alte Heimat, von der die Großeltern, die Ur-Ur-Großeltern erzählt hatten, ganz anders aus. Aber die Jungen, die hier aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, sie sind hier angekommen, ich wünsche ihnen allen, dass sie hier eine neue Heimat finden.

Was fühlen wohl die heutigen Flüchtlinge, die heutigen „Heimatvertriebenen“? Oft wurde ihre Heimat brutal zerstört, Familienangehörige kamen durch Gewalt ums Leben. Sie haben auch eine Sehnsucht nach Heimat. Wenn es in ihrem Land keinen Krieg, keine Gewalt, keinen Hunger mehr gäbe und sie dort Arbeit finden könnten, um zu leben, dann wären die meisten bald zurück in ihrer Heimat. Das wäre die beste Flüchtlingspolitik, wenn die reichen Länder sich massiv dafür einsetzten, dass aus zerstörten Heimaten wieder lebenswerte Heimaten werden.

Letztlich ist nach christlichem Verständnis die Heimat im Himmel: „Meine Heimat ist dort droben“ heißt es in einem Lied. Und trotzdem, brauche ich auch ein bisschen Heimat hier auf der Erde.

Gottfried Heß
Pfarrer in Simmern