Weg der Liebe und der Menschlichkeit

Palmsonntag. Was für Einsteiger in Religionsfragen wie der kirchliche „Tag des Baumes“ klingen mag, ist eine Erinnerung an die Palmen vor Jerusalem, die durch den Einzug eines Juden auf einem Esel vor bald 2.000 Jahren besondere Bedeutung erlangten.

Jesus reitet in die Hauptstadt ein, und viele, die begeistert waren von seinen Worten und Taten folgen ihm. Andere stehen am Straßenrand und haben das Gefühl, einen historischen Moment zu erleben.

Hier kommt der Retter, der Hoffnungsträger, den Gott schickt. Von jetzt ab wird alles anders. Jubel brandet auf, die Leute legen ihre Mäntel auf den Weg, sozusagen als roten Teppich für den kommenden Star.

Andere reißen Palmwedel von den Palmen, die den Weg säumen, um sie vor Begeisterung zu schwenken. Fähnchen hatten sie keine. Andere Palmzweige landen auf dem Weg, ergänzen den roten Teppich. Die Begeisterung ist groß.

Ob Jesus, der nicht hoch zu Ross kommt, wie ein Anführer, sondern auf einem Esel, wie ein Bauer, diesen Jubel genossen hat. Muss das schön sein, von der Zustimmung und Begeisterung so Vieler getragen zu werden! Was für eine Sehnsucht nach Veränderung muss da im Land gewesen sein, welche Hoffnung und Aufbruchsstimmung!

Aber wir wissen auch, wie es weitergegangen ist. Wenige Tage später ist die Begeisterung verflogen, die Stimmung ist umgeschlagen. Und plötzlich steht der umjubelte Star allein da. Selbst seine engsten Freunde machen sich aus dem Staub. Keine Palmzweige mehr. Dafür Zweige eines Dornbuschs, die sie ihm zu einer Krone geflochten und auf den Kopf gedrückt haben. Zeichen ihres brutalen Spotts. Und die, die eben noch gejubelt haben, brüllen jetzt in der aufgehetzten Masse: „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“

Plötzlich war es cool zu spotten und zu höhnen. Wer wehrlos ist, wer als gescheitert gilt, „ein Opfer“, für den gibt es keinen Respekt mehr, der ist allem ausgeliefert.

Die Palmzweige erinnern mich, wie schnell unsere Begeisterung für eine gute Sache erlahmen kann und umschlagen Resignation, ja blanken Hass. Wie empfindlich wir alle sind für Stimmungen, Tweets und Kommentare. Die Palmzweige werden mir unbequem, werden vom Zeichen des Jubels zum Zeichen des kommenden Verrats. Mit ihnen beginnt eine schwierige Woche für uns Christen, weil sie uns mit den dunklen Seiten in uns und unserer Welt in Berührung bringt.

Vielleicht kann ich mich mit all dem nur auseinander setzen, weil ich weiß, der Eselsreiter hat sich nicht abbringen lassen von seinem Weg der Liebe und der Menschlichkeit. Wenige Tage später wäscht er seinen fragwürdigen Anhängern nicht die Köpfe, sondern die Füße. Und am Ende wird er zwar alles verlieren, aber auch alles gewinnen. Und diesen Gewinn teilt er mit uns.

Vielleicht können wir es ja doch wagen, seinen Weg mit zu gehen, den Weg der Liebe und der Menschlichkeit, der so oft durch Dornen führt?

Wolfgang Jöst
Pfarrer in Rheinböllen und Dichtelbach