Reformation neu bewerten und für die Zukunft fruchtbar machen

 

Frühgeschichte, Antike, Mittelalter und Neuzeit – so habe ich den Gang der Geschichte in der Schule gelernt. Die Reformationsepoche war die Zeit des Übergangs, in der Altes und Neues miteinander im Widerspruch lagen; Verlustängste und Aufbruch bestimmten das Lebensgefühl: Buchdruck, die naturwissenschaftliche Revolution, dass die Erde sich um die Sonne dreht, die Entdeckung neuer Kontinente eröffnen ungeahnte Horizonte.

Das Ringen um eine Antwort auf die Frage, was glaubwürdig und damit verbindlich ist, prägte die Stimmung zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Europa. Die Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther am 31. Oktober 1517 beschleunigte eine unaufhaltsame Veränderung kirchlicher und gesellschaftlicher Verhältnisse. Dieses Ereignis ist der Anlass nach 500 Jahren unter dem rheinischen Motto von Hanns Dieter Hüsch „Vergnügt - erlöst - befreit“ ein besonderes Jubiläum zu begehen. Jedes Reformationsjubiläum in den vergangenen vier Jahrhunderten warf ein Bild auf die jeweilige gesellschaftliche Situation und geistige Stimmungslage: Der Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, Aufklärung, die nationale Erhebung (Wartburgfest) und das Jubiläum mitten im 1. Weltkrieg trugen jeweils die Handschrift ihrer Zeit.

2017 findet die 500-Jahr-Feier zum ersten Mal in der Kirchengeschichte im ökumenischen Zeitalter statt. Durch die Aufarbeitung der zeitgeschichtlich bedingten konfessionellen Engführungen gelten alte Frontlinien endlich als überholt. Aus diesem Grund gedenken wir auch der Spaltung der westlichen Kirche und in der Folge der Religionskriege, die besonders Deutschland verwüstet haben. Ebenso ist es redlich, auch die antisemitischen Spuren der Spätschriften Luthers und die mörderische Verfolgung der Täuferkirchen nicht zu verschweigen.

Heute leben wir wieder in einer Wendezeit. Die sogenannte Neuzeit ist längst zu Ende; schon länger spricht man von der Post-Moderne.

Globalisierung, Digitalisierung und verheerende Bürgerkriege verändern grundlegend die ökonomischen und sozialen Verhältnisse. Die Fluchtursachen von 60 Millionen Menschen sind grausam und vielfältig. Die große Vision eines geeinten, sozialen Europas ist fragwürdig geworden. Viele Menschen zeigen sich verunsichert; die Polarisierung nimmt bedenkliche Formen an; „Make war, not love“ konnte ich im Sommer auf dem T-Shirt eines Jugendlichen lesen - Feindbilder werden wieder hoffähig. Während weltweit Religiosität zunimmt – zum Teil in radikal fundamentalistischen Formen – Deutschland eine nie gekannte Säkularisierung. Christsein ist auch in Westdeutschland keine Selbstverständlichkeit mehr.

Das Reformationsjubiläum bietet die Möglichkeit, aus der Mitte des christlichen Glaubens wieder gemeinsam nach dem zu fragen, was im Leben und im Sterben Halt und Trost gibt. Luthers Frage nach einem gnädigen Gott ist heute weniger zeitgemäß, aber die Frage nach tragfähiger Identität, glaubwürdiger Gemeinschaft und den Ursachen gnadenloser Verhältnisse auf dieser Erde ist hochaktuell.

 

Viele Kirchengemeinden auf dem Hunsrück und an der Mittelmosel, der Kirchenkreis und gesellschaftliche Gruppen nehmen dieses besondere Jahr zum Anlass, um in der ganzen Themenbreite mit bewährten Formaten und innovativen Projekten dieses Ereignis zu würdigen, neu zu bewerten und für die Zukunft fruchtbar zu machen. Die Reformationszeit bietet genügend spannende Stoffe, um Impulse für die persönliche Grundhaltung zu empfangen und die konstruktive Bedeutung des christlichen Glaubens im 21. Jahrhundert in ökumenischer Weite wieder zu entdecken.

 

 

Horst Hörpel, Superintendent